Die Zeit zwischen dem Superbowl und dem Beginn der Season ist vollgepackt mit großen und kleinen Wettkämpfen. Der etwas kleinere, aber vermeintlich härteste Kampf ist das Evaluieren der Spieler für den kommenden NFL Draft. Danach kommt der größte Kampf, in den man den meisten Schweiß investieren muss, nämlich die Free-Agency, in der Teams oft mehr Geld für einen Spieler ausschwitzen müssen, als ihnen eigentlich lieb ist. Der Wettkampf, den ich aber behandeln möchte, betrifft die wichtigste Position in der NFL – es ist nicht schwer zu erraten – die Quarterbacks. Aber da selbst NFL Quarterbacks nicht einfach so vom Himmel fallen, möchte ich das Rampenlicht auf die Leute bringen, die sehr viel mit dem Erfolg dieser Positionsgruppe zu tun haben. Es geht speziell um eine, meiner Meinung nach, sehr elitäre Gruppe von Coaches, die es in ihrer Laufbahn geschafft haben, teilweise unglaubliche Leistungen aus ihren Athleten herauszubekommen.

Obwohl es zu jeder Zeit in der NFL 32 Quarterback Coaches gibt, so sind es nicht sie, sondern einige Ex-QB-Coaches, die um den Thron des Quarterback-Gurus kämpfen. Mittlerweile haben es alle drei ganz nach oben geschafft und rühmen sich damit Head Coach eines NFL Teams zu sein, aber jeder Einzelne hat einen beachtlichen Weg hinter sich.

Der Guru

Für Fans des kanadischen Footballs wird er natürlich schon länger ein Begriff sein, aber jüngere und neuere NFL Fans kennen ihn erst, seitdem er 2013 den Head Coach Posten der Chicago Bears übernommen hat. Die Rede ist von Marc Trestman. Es wissen wahrscheinlich nicht viele, was er bereits in den 90er Jahren in der NFL geleistet hat. Wie so oft, gehen Details bei Superbowl-Sieger Teams oft unter, speziell wenn es um den Coaching Staff geht. Man muss sich aber nur einmal genauer anschauen, mit wem Marc Trestman eigentlich zusammengearbeitet hat. Es kann einem dabei schon der Mund vor lauter Staunen offen bleiben. Seine erste Quarterback-Coach/Offensive Coordinator Stelle, hatte er mit den Cleveland Browns 1988. Nach seiner ersten Saison, in der sein Quarterback Bernie Kosar, das Team zu einer 10-6 Saison geführt hat, wurde er zum Offense Coordinator befördert. In dieser Season warf Kosar für knapp 3600 Yards und 18 Touchdowns[1], und sein Receiver stellte einen Franchise Rekord mit Receiving Yards auf. Nach einigen etwas turbulenten Jahren, die auch eine Pause von Football Coaching beinhalteten, feierte er ein explosives Debut bei den San Fransicso 49ers, wieder als Quarterbacks Coach und Offensive Coordinator, im Jahre 1995. In seinem ersten Jahr führte San Fransisco die NFL in Punkten, Passversuchen und Pass Yards an. In seinem zweiten, und letzten Jahr bei den 49ers, kamen unter anderem 3 verschiedene Quarterbacks zum Einsatz, was aber nicht viel am Output änderte, da diese Quarterbacks kombiniert, dennoch in diversen Kategorien die Saison unter den Top 10 beendeten[2]. Obwohl er in Kalifornien in zwei Jahren Top-Offenses auf das Feld bringen konnte, reichte es für die 49ers nie recht weit in den Playoffs. Marc Trestman machte sich in den nächsten Jahren also wieder auf den Weg, wo er mehrere Stationen durchlief. In den Jahren 1997 und 1998 erreichten seine Quarterbacks bzw. seine Teams jeweils Höchstleistungen. Zunächst warf 1997 der Detroit Lions Quarterback Scott Mitchell für die viert-meisten Yards der Vereinsgeschichte, und 1998 schafften es die Arizona Cardinals, unter der Führung von Quarterback Jake Plummer, das erste Mal seit 1982 in die Playoffs und konnten sogar das erste Playoff-Spiel in den letzten 51 Jahren gewinnen. Aufgrund zweier weniger erfolgreichen Jahre bei den Cardinals, verschlug es Trestman zurück nach Kalifornien. Nach einem Jahr als Quarterback Coach der Oakland Raiders, wurde er erneut zum Offensive Coordinator befördert, wo seine Passing Offense die NFL in einigen Kategorien anführen konnte. Das erste Highlight seiner Karriere war wohl der Superbowl Gewinn im Jahre 2002, in der zusätzlich Quarterback Rich Gannon zum Superbowl MVP ernannt wurde.

NFL-NCAA-CFL-NFL

Trotz dieses Erfolges, hielt es Trestman nicht mehr lange in der NFL. Nach einigen kurzen Auftritten bei den Miami Dolphins und den New Orleans Saints, verschlug es ihn zunächst zurück ans College. Im Jahre 2007 wagte er aber einen großen Karriereschritt, der sich als zukunftsweisend herausstellen sollte. Marc Trestman wurde Head Coach der Montreal Alouettes, in der Kanadischen Football Liga. In seinem ersten Jahr wurde er zwar bereits als Coach of the Year nominiert, konnte die Auszeichnung aber erst zwei Jahre später tatsächlich gewinnen. Dies hat er unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass er sowohl 2009, als auch 2010 die Kanadische Meisterschaft gewinnen konnte. Dabei sollte man ebenfalls erwähnen, dass sein Quarterback in diesen zwei Jahren, beide Male den Liga-MVP gewinnen konnte.

Dieser Erfolg im Norden öffnete ihm nun endlich die Türen zu Head Coach Positionen in der NFL. Der Posten bei den Chicago Bears sah von Beginn an vielversprechend aus, und prompt wurde er nach seiner ersten Saison, der erste Rookie-Head Coach in der Chicago Bears Vereinsgeschichte (innerhalb der Superbowl-Ära), der die Bears zu 8 Siegen führen konnte. Wichtiger ist aber zu erwähnen, dass die Bears Offense, als zweit-beste Scoring Offense, nur hinter Peyton Manning und seinen Broncos die Saison beendete[3]. Zusätzlich hatte seine Offense die fünft-meisten Offense Yards und brach auch zahlreiche offensive Team-Rekorde[4]. Noch spannender war aber die Performance seiner Quarterbacks. Ganz abgesehen davon, dass Jay Cutler in den ersten sechs Spielen der Saison die meisten Passing Yards der Teamgeschichte erwarf, steht doch eher die Leistung seines Backups, Josh McCown, im Vordergrund. Er kam für einen Verletzen Jay Cutler für insgesamt 8 Spiele aufs Feld. In diesen 8 Spielen zeigte ein 34-Jähriger Josh McCown in seiner elften Saison endgültig, dass Marc Trestman als der Quarterback Guru zu bezeichnen ist. Er komplettierte knapp 67% seiner Pässe, warf 13 Touchdowns (und nur eine Interception), und beendete das Jahr mit einem Passer Rating von 109[5], und landete somit einen neuen, durchaus lukrativen Vertrag bei den Tampa Bay Buccaneers. Es bleibt also mit Spannung zu erwarten, wie Jay Cutler und die Bears Offense im zweiten Jahr unter Marc Trestman aussehen wird; klar ist aber, dass nur sehr wenige Offensiv-Köpfe auf so eine Karriere wie Trestman zurückblicken können.

Der Nachfolger

Den also somit unbestrittenen Quarterback Guru aus Chicago, fordert ein ehemaliger NFL Starting Quarterback, der mittlerweile ebenfalls den Posten des Head Coaches erreicht hat. Dieser Punkt ist aber nicht der erste der Geschichte, der diese beiden “Supercoaches” zusammenführt. Nach einer langen, und durchaus erfolgreichen NFL Karriere als Spieler, bekam Jim Harbaugh 2002 in Kalifornien seine erste richtige Stelle. Hier wurde er 2002 zum Quarterback Coach unter keinem geringeren als Marc Trestman höchstpersönlich, hier ist allgemeint bekannt, wie die Saisonen 2002 und 2003 bei den Oakland Raiders verliefen (siehe Trestman). Nach dem riesigen Erfolg verschlug es ihn allerdings dennoch zurück in die College-Ränge. Zunächst wurde er Head Coach an der University of San Diego, die er nach sehr erfolgreichen drei Saisonen verließ, um der Head Coach des Standford Football Programms zu werden. Den entscheidenden Beitrag zum Aufstreben des Programms lieferte sein neues und junges Quarterback-Supertalent Andrew Luck. In seinem zweiten Jahr als Starter, wurde Andrew Luck Zweiter im Heisman-Voting, dem Preis für den besten College Spieler des Landes. Dies geschah ein Jahr nachdem der Stanford Runningback Toby Gerhart bereits Zweiter im Heisman-Voting wurde. Jim Harbaugh verließ 2011 Stanford, nachdem er das Team zu einem Bowl-Sieg verholfen hatte, Richtung NFL. Auch hier lässt sich eine Verbindung zu Marc Trestmans Vergangenheit herstellen, den Harbaugh wurde bei den San Fransisco 49ers als Head Coach unter Vertrag genommen. Hier zementierte Jim Harbaugh seine Stelle unter den Quarterback Gurus nun endgültig. Unter Harbaugh erstrahlte Quarterback Alex Smith, ehemaliger 1st Overall Pick, in neuem Glanz. Zusätzlich zu dem Erfolg, den er aus seinem Quarterback herausbrachte[6], war das gesamte 49ers Programm nun so erfolgreich wie seit 2002 nicht mehr. Seitdem führte er das Team immer mindestens bis in das NFC Championship Game. Harbaugh vollführte seine Magie aber nicht nur mit Alex Smith. Denn nachdem dieser aufgrund einer Verletzung nicht einsatzfähig war, bekam sein mobiler Backup, Colin Kaepernick, die Zügel in die Hand und marschierte zielstrebig[7] bis in den Superbowl. Jim Harbaugh blickt zwar nicht auf die gleichen, langfristigen Quarterback-Leistungen zurück wie Trestman, kann aber seine Position unter den Quarterback Gurus der NFL mit Colin Kaepernick noch um einiges weiter steigern.

Der Talentmanager

Der fast schon klar abgeschlagene dritte Platz geht an einen Coach, der, wie sollte es anders sein, durch Andrew Luck ebenfalls eine Verbindung zu dem vorhin erwähnten Jim Harbaugh hat. Bevor er aber diesen jungen Quarterback zu den meisten Passing Yards eines Rookie-Quarterbacks coachte, und zusätzlich auch noch für seine Arbeit als Ersatz-Head Coach für Chuck Pagano, den NFL Head Coach of the Year abstaubte, bekam Bruce Arians seine erste Stelle als Quarterback Coach bei den Indianapolis Colts im Jahre 1998. Diese Jahreszahl dürfte Kennern wohl sofort ein Begriff sein. Arians wurde bei den Colts der erste Quarterback Coach eines gewissen Peyton Manning. Die ersten zwei Jahre seiner Karriere formte Arians somit den zukünftigen, besten Quarterback der NFL Geschichte. Man könnte also eigentlich schon anhand dieser zwei Stopps Arians als Guru, bzw. zumindest als Guru für Junge Quarterbacks benennen. Seine Arbeit war mit Peyton jedoch noch lange nicht getan, denn nach einem kurzen Zwischenstopp bei den Cleveland Browns als Offensive Coordinator, bekam Bruce Arians den Posten des Offensive Coordinators der Pittsburgh Steelers im Jahre 2007. In seinem ersten Jahr passte ein gewisser Ben Roethlisberger für seine Karriere-Bestmarke 32 Touchdowns und konnte seine Interceptions um mehr als die Hälfte reduzieren. Bruce Arians Karrierehighlight kam auch schon ein Jahr später, als die Steelers dank eines heroischen letzten Drives, und Traumpasses von Roethlisberger, den Superbowl für sich entscheiden konnten. Unter Arians entwickelte sich Big Ben zu einem der meist-gefürchteten Quarterbacks der Liga, den man nur sehr selten mit dem ersten Kontakt zu Boden bringen kann. Nun ist Bruce Arians in seiner zweiten Saison als Head Coach der Arizona Cardinals, wo er, ähnlich einem Jim Harbaugh, dem tot geglaubten Carson Palmer wieder Leben einhauchen konnte. Palmer warf 2013 für die meisten Yards seiner Karriere und beendete die Saison mit Top 5 Werten seiner Karriere in Completion %, Pass Touchdowns und Pass Yards.

Obwohl mittlerweile alle drei Gurus ganz oben angekommen sind, was Möglichkeiten eines Coaches in der NFL angeht, lassen sich ganz klar ihre Fingerabdrücke auf der jeweiligen Offense, bzw. auf dem Quarterback ablesen. Head Coaches bekommen noch eher Anerkennung als Coordinators, geschweige denn Position Coaches, aber jede Generation hat ihre Ausnahmetalente, und diese drei Coaches fallen definitiv darunter. Mit der Entwicklung der NFL Angriffe zu Hochfrequenz Pass-Angriffen, wird es weiterhin großen Spaß machen, diesen Superstar Coaches zuzuschauen.

 

Bence
@SpenceLukacs

 

PS:

Honorable Mention Coaches:
Sean Payton
• Offensive Coordinator New York Giants in ihrer Superbowl Season 2000
• Quarterback Coach der Dallas Cowboys 2003 (Entdeckung von Undrafted Free Agent Tony Romo)
• Head Coach und Offensive Coordinator der New Orleans Saints und Drew Brees seit 2006

Bill O’Brien
• Quarterback Coach und Offensive Coordinator bei den New England Patriots ab 2008
• Penn State Headcoach zwischen 2012 und 2014 (Machte Matt McGloin bereit für die NFL, und coachte Freshman Christian Hackenberg)

 

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Kosar beendete diese Saison in den Top 10 der NFL für: Passer Rating, Completion % und Yards 
  2. Passer Rating, Completion %, Touchdowns und Pass Yards 
  3.  Ein Aufstieg um 14 Plätze gegenüber dem vorigen Jahr. 
  4.  Total Yards, Pass Yards, Passing Touchdowns und First Downs. 
  5.  Dritt-höchster Wert hinter Peyton Manning und Nick Foles. 
  6.  Smith war unter Harbaugh 19-5-1, führte die NFL in Completion % an und war Dritter der NFL im Passer Rating. 
  7.  Darunter auch die historische Leistung gegen die Green Bay Packers im Playoff, in der er einen neuen QB-Rushing Rekord, mit 181 Yards aufstellte. (444 Total Yards) 
Die Quarterback-Gurus der NFL